Bei aller Dynamik der Energiemärkte in den letzten Jahrzehnten weist der deutsche Strompreis stets eine Konstante auf: Den gegen ihn von allerlei Gruppen erhobenen Vorwurf, der Strompreis sei zu hoch. Auch deshalb will die Bundesregierung diesen aktiv senken helfen.
Wie eine Analyse des Internationalen Wirtschaftsforums Regenerative Energien (IWR) zeigt, wird der derzeitige Kurs der Bundesregierung die Strompreise eher hoch halten.
Entscheidend sei das Zusammenspiel aus EEG-Novelle, Netzanschlusspaket und dem Kapazitätsmarkt. Gesicherte Kraftwerksleistung werde durch die Pläne des Bundeswirtschaftsministeriums finanziell abgesichert, während Investitionen in Windkraft, Photovoltaik und Speicher teilweise mit höheren Risiken belastet würden.
Deshalb warnt IWR-Direktor Norbert Allnoch vor einer falschen Festlegung: „Wenn der Ausbau der günstigen erneuerbaren Energien ausgebremst wird, während fossile Kraftwerke zusätzliche Absicherungen erhalten, wird das Stromsystem nicht automatisch günstiger. Im Gegenteil: Dann steigt das Risiko, dass teure Gaskraftwerke häufiger den Strompreis bestimmen.“
Im Zentrum der IWR-Argumentation steht der Gaspreis. Gemäß dem Merit-Order-Prinzip bestimmt das teuerste, zur Deckung der Nachfrage noch benötigte Kraftwerk den Börsenpreis für alle Anbieter. Wenn nun aus Wind und Sonne viel Strom verfügbar ist, verdrängen diese Quellen wegen ihrer niedrigen laufenden Kosten Kohle- und Gaskraftwerke. Fehlen dagegen Wind und Sonne, könnten vor allem Gaskraftwerke den Strompreis treiben.
Erdgas ist derzeit besonders teuer. Mitte August lag der europäische Referenzpreis TTF bei rund 62,50 Euro je Megawattstunde. Bei einem Gaskraftwerk mit 50 Prozent Wirkungsgrad ergäben sich daraus Brennstoffkosten von etwa 12,5 Cent je Kilowattstunde Strom – zusätzlich kämen darauf noch die Kosten für CO2-Zertifikate, Betriebskosten und Investitionen.
„Gaskraftwerke können als Reserve für seltene Engpasssituationen sinnvoll sein. Sie dürfen aber nicht zum Rückgrat der Stromversorgung werden. Je häufiger sie laufen, desto stärker schlagen Gas- und CO2-Preise auf den Strommarkt durch.“
Laut dem IWR könnten die Strompreise durch möglichst hohe erneuerbare Erzeugung in möglichst vielen Stunden günstiger werden. Je häufiger Wind und Sonne die Nachfrage deckten, desto seltener würden Gaskraftwerke gebraucht. Der zentrale Hebel sei daher, günstigen Ökostrom besser nutzbar zu machen. „Deshalb sollte die Politik nicht den Zubau der Erneuerbaren verlangsamen, sondern dafür sorgen, dass ihr Strom durch Speicher, Netze und flexible Verbraucher möglichst vollständig genutzt werden kann.“
Zusätzlich spielten Batteriespeicher eine Schlüsselrolle. Sie könnten überschüssigen Solar- oder Windstrom am Mittag aufnehmen und später wieder einspeisen. So lasse sich der preissenkende Effekt der erneuerbaren Energien in Stunden verschieben, in denen sonst teure Gaskraftwerke gebraucht würden. Das IWR fordert deshalb, Wind- und Solarprojekte stärker zusammen mit Speichern auszuschreiben und Speicher beim Netzanschluss nicht zusätzlich zu verteuern.