Stromnetze: Ausbaustau behindert Energiewende

Es ist eine weitverbreitete Mode geworden, die deutsche Energiewende als Misserfolg darzustellen. Ja, es gibt viele Herausforderungen. Doch insgesamt ist die Energiewende, insbesondere in der globalen Perspektive, eine Erfolgsgeschichte!

Viele der jetzigen Hürden und Probleme im Voranschreiten der Energiewende resultieren aus einer fehlenden, dem Projekt zugrundeliegenden Gesamtstrategie. Das hat immer wieder zu Stockungen geführt, wenn politische Richtungen andere Schwerpunkte setzten oder sogar bewusst als Bremser agierten. Insbesondere gilt das für den Ausbau des Stromnetzes.

Dessen schleppender Ausbau erweist sich aktuell als bedeutende Hürde für die Energiewende. In Deutschland blockieren die Defizite beim Verteilnetzausbau einer Studie zufolge Projekte für erneuerbare Energien mit einer Gesamtleistung von 140 Gigawatt sowie Batteriespeicher mit 130 Gigawatt.

Wie das skandinavische Beratungs- und Ingenieurdienstleistungsunternehmen Afry, das dazu vom Netzwerk Beyond Fossil Fuels (BFF), beauftragt wurde, errechnet, könnten derzeit in Deutschland wegen fehlender Netzkapazitäten Investitionen im Umfang von 45 Milliarden Euro nicht getätigt werden.

Es handelt sich indes jedoch nicht um ein rein deutsches Problem. Denn Afry untersuchte auch die Situation in Bulgarien, Tschechien, Großbritannien, Griechenland, Italien, Polen und Spanien. In allen Ländern summieren sich die ausstehenden Netzanschlüsse demnach auf 375 Gigawatt bei erneuerbaren Energien und 455 Gigawatt bei Batteriespeichern. Der Gesamtwert blockierter Investitionen beträgt rund 100 Milliarden Euro.

Allein in Deutschland sind zur Ertüchtigung der Stromnetze für die Energiewende in den kommenden Jahren Investitionen in dreistelliger Milliardenhöhe geplant. Die Branche kritisiert indes lange Genehmigungsverfahren, die oft fünf bis sieben Jahre dauern, weil der Ausbau von Stromverteilnetzen anders als auf der Übertragungsebene nicht als Vorhaben von „überragendem öffentlichen Interesse“ gilt.

Ein weiterer Grund könnte auch in der kleinteiligen Organisation des deutschen Stromnetzes geben. Während es auf Übertragungsnetzebene nur vier Betreiber gibt, sind es auf Verteilnetzebene 851. Die Vielzahl der Netzbetreiber führe zu Ineffizienzen. Die Unternehmen müssten enger kooperieren, um Tempo und Effizienz zu steigern.