Einst war sie Everybody´s Darling, doch der großen Anfangseuphorie folgte bald ein Image als Schmuddelkind: Die Rede ist von der Atomkraft. Spätestens der GAU von Fukushima im März 2011 zeigte, wie verletzlich die Technologie tatsächlich ist. Sah es lange so aus, als hätte dieses Ereignis, das sich neben Harrisburg und Tschernobyl einreiht in die Liste der größten Atomunfälle der Geschichte, der Energieerzeugung aus Kernspaltung den Todesstoß versetzt, erlebt die Technologie aktuell eine erstaunliche Renaissance. Der Grund: Nach dem legendären Thorium-Kraftwerk weckt das Konzept von modularen Mini-AKW die Hoffnung der Atom-Fans.
Diese berauschen sich aktuell an der Magie der Namen: Kein geringerer als Bill Gates will die Technologie voranbringen. Zudem outete sich auch US-Präsident Joe Biden als Fan des Konzepts. Selbiges hat nun einen wichtigen Meilenstein erreicht: Das 2016 unter anderem von Bill Gates mitgegründete US-Unternehmen Terrapower will einen solchen Mini-Atomreaktor (SMR; Small Modular Reactor) bauen.
Dieser soll auf dem Gelände eines bald stillgelegten Kohlekraftwerks im US-Bundesstaat Wyoming entstehen. Das neue Mini-AKW soll als Flüssigsalzreaktor realisiert werden. Kühlwasser ist dafür nicht nötig, stattdessen wird zur Kühlung Natrium eingesetzt. Für den Bau sind Kosten von rund 820 Millionen Euro über eine Bauzeit von sieben Jahren veranschlagt. Der US-SMR soll eine Leistung von 345 Megawatt erbringen. Zum Vergleich: Die sechs noch aktiven deutschen AKW haben eine Leistung zwischen 1344 und 1485 Megawatt.
Der erste von geplant vielen SMR soll viele akute Probleme der Atomkraft lösen: Der Brennstoff für die neue Generation der AKW soll aus nicht mehr benötigten Brennstäben oder demobilisierten Atombomben kommen. Befürworter der Technologie verweisen auf den Beitrag, den die Mini-AKW so zur Reduktion von Atommüll leisten könnten.
Die Atombefürworter sind ob solcher Positivnachrichten erfreut und harren bereits des neuen Hochlaufs für die Technologie. Derzeit versuchen viele Atomkraftwerke, ihrer eher negativ konnotierten Technik ein positiveres Image zu geben. Dabei wird insbesondere auf Effekte im Rahmen des Klimaschutzes verwiesen. So will etwa die britische Regierung einen entsprechenden Ansatz fördern, der das wegen hoher Subventionen für den dort erzeugten Strom umstrittene geplante Atomkraftwerk Sizewell C aus den Negativschlagzeilen herausbringen soll. Die Betreiber wollen mit den Fördergeldern eine Anlage entwickeln, die Kohlendioxid aus der Luft extrahieren soll. Dieses sogenannte „Direct Air Capture“ wird aktuell bereits in mehreren Pilotanlagen weltweit getestet. Mit einer Viertelmillion Pfund ist die genehmigte Förderung zwar nicht besonders hoch. Sie ist aber ein durchaus wichtiges Signal, dass die britische Regierung diese Technik für vielversprechend hält.
In Deutschland geht dagegen der Atomausstieg weiter voran. Ende des Jahres werden die letzten aktiven AKW vom Netz gehen. Ein weiterer Meilenstein ist kürzlich erreicht worden: In Königstein endete offiziell die Produktion von Uran. Der letzte Transport von 19,5 Tonnen eines Wasser-Uranoxid-Gemischs beendet damit eine auch weltpolitisch wichtige Ära: Das im Erzgebrige gewonnene Uran war zentraler Baustein der frühen Phase des sowjetischen Atomprogramms und Eckstein der Träume einer deutschen Atombombe zwischen 1936 und 1945. Mit diesem letzten Urantransport scheidet Deutschland zugleich aus der Riege uranproduzierender Staaten aus. Die Produktion ist ein Erbe der DDR: Diese war der viertgrößte Uranproduzent weltweit und lieferte in ihrer aktiven Phase mehr als 216.000 Tonnen Uran. 1990 wurde die Produktion zwar offiziell eingestellt, allerdings erbrachte die nötige Sanierung der immensen Umweltschäden sowie die Abwicklung der verantwortlichen Wismut AG noch 3.350 Tonnen Uran.