Die Bundesregierung hat ihre Prognose für den Strombedarf im Jahr 2030 korrigiert. Wie das Bundeswirtschaftsministerium mitteilte, rechne der Bund vor allem angesichts der verschärften Klimaziele und der damit einhergehenden Dekarboniserung der Wirtschaft mit einem um im Vergleich zu den bisherigen Prognosen mindestens zehn Prozent höheren Bedarf.
Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier bezog sich bei der Bekanntgabe auf eine zugrundeliegende Studie des Prognos-Instituts. Dieses gehe von einem Verbrauch von 645 bis 665 Terawattstunden aus. Offiziell ging die Bundesregierung bislang von einem Strombedarf im Jahr 2030 von 580 Terawattstunden aus. Im Verbund mit dem verstärkten Augenmerk auf die Umwelt und das Klima heißt dies, dass in den kommenden Jahren auch der Ausbau der erneuerbaren Energien beschleunigt werden muss. Dieses stockt aktuell aus verschiedenen Gründen deutlich. Der Bundesminister nannte hierzu indes keine konkreten Zahlen. Dies wird eine Aufgabe der neuen Bundesregierung sein.
Nach den Worten von Peter Altmaier gehe die Anpassung der Prognose vor allem auf den beschleunigten Ausbau der Elektromobilität zurück. Eingedenk der zuletzt deutlich beschleunigten Zunahme von Elektroautos geht der Bund von 14 Millionen Elektroautos im Jahr 2030 aus statt bisher maximal 10 Millionen. Der Weg dahin ist indes noch ein weiter: Stand Ende Juni 2021 sind rund 458.000 Elektroautos zugelassen. Selbst unter Einbeziehung der rund 443.000 Plug-In-Hybride hat die Elektromobilität die Marke von einer Million noch nicht genommen! Ein weiterer Aspekt, der die Anpassaung nötig machte, sei die große Zahl an in Neu- und Bestandsgebäuden verbauten Wärempumpen. Aktuell seien dies rund eine Million, 2030 erwartet die Branche aufgrund des bisherigen Wachstums etwa sechs Millionen Wärmepumpen in deutschen Immobilien. Ein weiterer wichtiger Faktor ist der angestrebte Markthochlauf für die Erzeugung von Wasserstoff. Der Bund geht nun davon aus, dass man für 19 statt für 14 Terawattstunden Wasserstoff bis 2030 erzeugen werde.
Die bisherige Verbrauchsprognose des BMWi wurde schon seit längerem kritisiert. So geht etwa der Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW) davon aus, dass 2030 700 Terawattstunden Strom benötigt werden. Und auch von Seiten der Kabinettskolleg:innen gibt es Kritik: Bundesumweltministerin Svenja Schulze hält den bisher geplanten Anteil erneuerbarer Energien von 65 Prozent für zu niedrig und will schon jetzt höhere Ausbauziele verankern.
Dieser Linie schließt sich auch die Opposition an. Der energiepolitische Sprecher der FDP-Bundesfraktion, Martin Neumann, sagte, der Wirtschaftsminister rechne sich den Strombedarf schön. Fraglich sei nämlich, woher die zusätzlichen etwa 15 Prozent künftig kommen sollten. Der energiepolitischen Sprecherin der Grünen, Julia Verlinden, zufolge habe die Union die Annahmen zum Stromverbrauch gerne genutzt, um den Ausbau erneuerbarer Energien zu bremsen. „Jetzt ist es wirklich unübersehbar: Der von der Koalition gedeckelte Ausbau der Erneuerbaren reicht vorne und hinten nicht, um die Klimaziele zu erreichen.“
Das vor allem auf Informations- und Telekommunikationsthemen spezialiserte Portal Heise-Online sprach in einem Kommentar auf die Entscheidung davon, dass der Bundeswirtschaftsminister mit Verweis auf die niedrigere Stromverbrauchsprognose seine Rolle beim stockenden Vorankommen der Energiewende zu verbergen getrachtet habe: „Das Überraschendste daran ist, dass diese Entwicklung für das Ministerium offenbar überraschend kommt. Schließlich besteht ein zentraler Hebel der Verkehrs- und Wärmewende darin, fossile Energiequellen durch Strom zu ersetzen. Insofern ist ein steigender Strombedarf per se keine schlechte Nachricht, solange der Verbrauch an fossiler Energie dadurch insgesamt sinkt. Doch für Altmaier war das Beharren auf einem stagnierenden Stromverbrauch die bequemste – und wohl auch einzige – Möglichkeit, seine Untätigkeit bei der Energiewende zu kaschieren. […] Vielleicht wollte sich Altmaier auch nur einen halbwegs ehrenwerten Abgang verschaffen.“