Der deutsche Strommarkt muss flexibler werden, wenn die Energiewende auch erfolgreich werden soll. Zu diesem Kernergebnis kommt der Energy Transition Readiness Index (ETRI) 2021 der Association for Renewable Energy and Clean Technology (REA) und des Energieunternehmens Eaton, die dafür zwölf Länder miteinander verglichen haben. Wolle Deutschland seine Klimaziele erreichen, müsse der Strommix verändert und die Beteiligung der Bürgerinnen und Bürger verbessert werden,
Für den ETRI 2021 wurden soziopolitische Faktoren, der Marktzugang sowie Innovationskraft und technologische Faktoren untersucht. Während die skandinavischen Staaten Finnland, Norwegen und Schweden Spitzenwerte erzielen, schafft Deutschland im Index nur drei von fünf möglichen Punkten. Auch Frankreich, die Schweiz und Großbritannien erreichen nur drei Punkte. Zwar habe Deutschland von allen untersuchten Ländern den größten Strommarkt und produziere gleichzeitig die größte regenerative Strommenge. Dennoch betrage dieser Anteil nur 41 Prozent am gesamten Stromverbrauch, während etwa Norwegen mehr Strom aus erneuerbaren Energien produziere als es selbst benötige.
Um das erklärte Ziel von 65 Prozent Grünstrom bis 2030 zu erreichen, müsste Deutschland zusätzlich 138 Terawattstunden regenerativen Strom erzeugen. Das bedeute ein Wachstum von 85 Prozent. Um das aber realistisch zu ermöglichen, brauche es mehr Flexibilität auf dem Strommarkt. Gemeint ist damit das schnelle Hoch- und Runterfahren der Stromleistung, das Bereithalten von Kapazitätsreserven und die Aufrechterhaltung der Stabilität in den Stromnetzen: „Der Erfolg bei der Verringerung der Kohlendioxidausstöße in ganz Europa wird von der Bereitschaft aller Länder – sowohl innerhalb als auch außerhalb der EU – abhängen, das Potenzial von Flexibilitätsressourcen zu nutzen, um die Integration erneuerbarer Energien zu erleichtern, während die Stromerzeugung aus fossilen Brennstoffen zurückgefahren wird“.
Ein weiterer zentraler Punkt betreffe die Einbindung der Bürgerinnen und Bürger: So würden etwa dezentrale Speichersysteme immer wichtiger. Um das dezentrale Erzeugungs- und Speicherpotenzial aber auch netzdienlich auszunutzen, bedürfe es weiterer Maßnahmen. Aktuell seien erst bei 17 Prozent der Bevölkerung intelligente Stromzähler eingebaut. Die seien aber essenziell für die Überwachung und Abrechnung der Strommengen. Nicht nur die skandinavischen Länder, auch Italien und Spanien seien da deutlich weiter. So seien etwa in Schweden 100 Prozent der Bevölkerung, in Dänemark 99 Prozent und in Finnland 97 Prozent mit Smart Metern ausgestattet. Von den zwölf untersuchten Staaten haben nur die Schweiz mit ebenfalls 17 Prozent und Irland mit nur vier Prozent eine ähnlich niedrige oder niedrigere Smart Meter-Rate als Deutschland vorzuweisen.
Insgesamt zieht der ETRI 2021 das Fazit, dass die meisten Länder vor einer enormen Flexibilitätsherausforderung stehen und rasches Handeln erforderlich ist, um die Ziele der Energiewende zu erreichen. Der Bericht enthält drei Hauptempfehlungen:
- Der enorme Zuwachs an Flexibilitätsressourcen, der für die Erreichung der Dekarbonisierungsziele für 2030 erforderlich ist, sollte definiert werden und Markt- und Politikreformen vorantreiben.
- Maßnahmen zur Ermöglichung einer breiteren Beteiligung an den Flexibilitätsmärkten müssen beschleunigt werden, wenn die Energiewende nicht gefährdet werden soll.
- Reformen müssen faire und berechenbare Märkte schaffen, die einem breiten Spektrum potenzieller neuer Anbieter Investitionssicherheit geben.