Rund zwei Fünftel des EU-Bedarfs an Erdgas stammt aus russischen Quellen. In Deutschland liegt diese Quote mit 55 Prozent sogar noch höher. Im Kontext des russischen Angriffs auf die Ukraine stellt sich nun die Frage: Wie kann sich die EU von dieser Abhängigkeit lösen? Und: Ist das überhaupt schnell möglich?
Die Internationale Energieagentur (IEA) hat hierfür eine eindeutige Antwort gefunden: Die Importe von russischem Erdgas in die EU ließen sich binnen Jahresfrist um mehr als ein Drittel reduzieren. Dazu legte die IEA auch ein Maßnahmenpaket vor, wie das gelingen könne. Wie IEA-Chef Fatih Birol erklärte, zeige die Tatsache, dass „Russland seine Erdgasressourcen als wirtschaftliche und politische Waffe einsetzt“, dass Europa schnell handeln müsse, „um für den nächsten Winter auf erhebliche Unsicherheiten bei den russischen Gaslieferungen vorbereitet zu sein“.
Noch kommt Russland seinen Lieferverpflichtungen nach und pumpt ohne Unterlass Erdgas über das bestehende Pipelinenetz in Richtung EU. Allerdings sind die Einkaufspreise wegen der Furcht vor Lieferausfällen auf neue, bisher unbekannte Höhen geklettert. Als Sofortmaßnahme hatte auch die Bundesregierung hier kürzlich 1,5 Milliarden Euro zum Erdgaskauf bereitgestellt
Laut der IEA könnte die EU allein etwa 30 Milliarden Kubikmeter Erdgas pro Jahr kurzfristig aus Katar, den USA und von weiteren Staaten beziehen. Das wäre immerhin ein Fünftel des aus Russland in die EU improtierten Erdgases. Katar seinerseits gab zu bedenken, dass kein einzelnes Land derzeit die Kapazitäten habe, russische Gasexporte komplett zu kompensieren. Die IEA empfiehlt den europäischen Staaten unter anderem, keine neuen Erdgaskontrakte mit russischen Firmen zu schließen, sich zu verpflichten, eine Mindest-Erdgasreserve aufzubauen sowie Windkraft- und Solarprojekte zu forcieren.
Auch schreie die Situatiation aktuell geradezu nach der Umsetzung weiterer Effizienzmaßnahmen. Und selbst einfachste Maßnahmen hülfen enorm: Bereits die Reduktion der Heiztemperatur um ein Grad könnte im Jahr rund 10 Milliarden Kubikmeter Erdgas oder rund sieben Prozent der russischen Erdgasimporte einsparen. Alles zusammen „könnten diese Schritte den EU-Import von russischem Erdgas um über 50 Milliarden Kubikmeter, mehr als ein Drittel des russischen Imports, binnen einem Jahr reduzieren.“
Laut Analysten könnten theoretisch Europas ungenutzte Pipelines und die LNG-Infrastruktur genügend Erdgas aus anderen Quellen erschließen, um den russischen Import fast vollständig zu ersetzen. Allerdings werde das in der Praxis durch die unzureichend vorhandene globale Gasverflüssings-Kapazität beschränkt.