Die Energiewende ist immens wichtig für die Zukunft Europas. Das haben die meisten Staaten erkannt und bauen regenerative Erzeugungskapazitäten zu. Deren effiziente Nutzung wird jedoch von einem entscheidenden Faktor ausgebremst: den nicht dafür gerüsteten Stromnetzen.
Wie eine Analyse des Europäischen Rechnungshofs (EuRH) zeigt, gibt es hier bedeutende, strukturelle Schwächen. Der EuRH warnt denn auch vor weitreichenden Konsequenzen für die Wettbewerbsfähigkeit und Versorgungssicherheit in der EU.
Ein Großteil des Stromnetzes in der EU stammt noch aus dem 20. Jahrhundert. Fast die Hälfte der Stromleitungen ist älter als 40 Jahre. Diese Alterungserscheinungen stellen die Grundstruktur des europäischen Energieversorgungssystems infrage. Denn steigende Strombedarfe benötigen moderne Energienetze. Anders sind die ambitionierten energie- und klimapolitischen Ziele der EU kaum zu erreichen.
Die EuRH-Prüfer fordern tiefgreifende und rasch umgesetzte Investitionen. Der aktuelle Planungsstand sieht bis 2050 Investitionen in Höhe von rund 1.871 Milliarden Euro durch Netzbetreiber vor. Die Europäische Kommission geht jedoch von einer nötigen Summe zwischen 1.994 und 2.294 Milliarden Euro aus.
Neben dem absoluten Investitionsvolumen sorgt sich der EuRH auch um das Tempo der Umsetzung. Bürokratische Hindernisse, langwierige Genehmigungsverfahren, mangelnde Koordination zwischen den Mitgliedsstaaten und ein struktureller Fachkräftemangel bremsten den Fortschritt erheblich.
Neben dem physischen Ausbau setzt der EuRH auf intelligente Steuerung und Flexibilisierung. So könnten modernere Netztechnologien, etwa der Einsatz von Speichersystemen und automatisierten Lastmanagementlösungen, den Investitionsbedarf reduzieren. Anstatt das Netz pauschal zu verstärken, sei es in vielen Fällen wirtschaftlicher, Stromflüsse besser zu steuern und temporäre Lastspitzen durch Speicher zu puffern. Auch die Integration dezentraler Erzeugungsanlagen sowie sogenannter Energiegemeinschaften könne zur Entlastung beitragen.
Der grenzüberschreitende Verbund der europäischen Stromnetze ist ein weiteres Handlungsfeld. Eine stärkere Vernetzung zwischen den Mitgliedsstaaten kann Ausgleichspotenziale zwischen Regionen mit Stromüberschuss und solchen mit Defiziten nutzbar machen. In der Praxis ist dieses Potenzial bislang allerdings nur unzureichend erschlossen.
Laut EuRH ist es gegenwärtig kaum möglich, die langfristigen Auswirkungen der Netzinvestitionen auf die Strompreise präzise zu beziffern. Zu viele Unwägbarkeiten beeinflussen das System – von der Entwicklung der Erzeugungskosten über die Höhe staatlicher Abgaben bis hin zu volatilen Weltmarktpreisen für Rohstoffe.
Die Erhebung des EuRH stützt sich auf umfangreiche Analysen. Neben öffentlich zugänglichen Daten und den Netzentwicklungsplänen der Mitgliedsstaaten wurden auch finanzielle Kapazitäten der Netzbetreiber untersucht. Besuche in Deutschland und Italien sowie Gespräche mit Vertretern der EU-Kommission, nationalen Regulierungsbehörden und Marktteilnehmern lieferten zusätzliche Einblicke.