Atomenergie: Deutschland vollzieht Ausstieg

vom 16.04.2023

Kurz vor Mitternacht ist eine immerhin 87 Jahre währende Ära zu Ende gegangen: Die drei letzten noch aktiven Atomkraftwerke wurden vom Netz getrennt. Als letztes ging um 23.59 Uhr das AKW Neckarwestheim 2 in den Abschalt- und Rückbaumodus über.

Nachdem Otto Hahn und Fritz Straßmann im Dezember 1938 im Berliner Kaiser-Wilhelm-Institut für Chemie erstmals ein Atom gespalten hatten (die Deutung lieferte die kurz vorher aus Deutschland geflohene Lise Meitner), dauerte es noch knapp 19 Jahre, bis am 31. Oktober 1957 bei Garching der Forschungsreaktor der TU München als erster deutscher Atomreaktor in Betrieb ging. Jedoch erst seit Juni 1961 speiste das AKW Kahl erstmals auch Atomstrom ins deutsche Netz ein.

Die Chronologie des Ausstieges ist durchaus verwickelt. Erstmals 2001 im Konsens mit den Energieversorgern beschlossen, wurde dieser Beschluss 2009 rückgängig gemacht, nur um 2011 nach dem GAU von Fukushima wieder in Kraft gesetzt zu werden. Die Energiekrise von 2022 führte letztlich zu einem dreieinhalbmonatigen Hinaussschieben des Ausstieges, der nun letztlich umgesetzt wurde.

Damit geht auch eine jahrzehntelange Auseinandersetzung, die oft gewaltsam geführt wurde, zu Ende. Das Thema an sich wird uns jedoch noch weiterhin begleiten. Während beispielsweise Bundesumweltministerin Steffi Lemke betonte, dass die Risiken der Atomkraft „im Falle eines Unfalles letztlich unbeherrschbar“ seien, forderte der bayerische Ministerpräsident eine Anpassung des Atomgesetzes durch die Bundesregierung: Bayern sei entschlossen, das Atomkraftwerk Isar 2 weiterzubetreiben.

Der gesellschaftliche Konsens ist in den letzten Jahren durchaus zuungunsten der Atomkritiker verschoben worden. So zeigte etwa das RTL/ntv-„Trendbarometer“ vor fünf Tagen, dass zwei Drittel der Befragten gegen den Atomausstieg seien. 43 Prozent sind sogar der Meinung, dass die drei letzten deutschen Atomkraftwerke noch länger zur Stromerzeugung genutzt werden sollten. Weitere 25 Prozent wollen, dass auch einige der bereits stillgelegten AKW wieder ans Netz gehen. Nur 28 Prozent der Bundesbürger finden den Atomausstieg weiterhin richtig.

Egal wie die Stimmungslage ist, offen bleibt nach wie vor, wie man mit dem radioaktiven Müll umgehen soll. Noch gibt es kein Endlager, die Suche für einen Standort dauert seit 2017 an und erzeugt bereits zahlreiche Abwehrreflexe. Bundesumweltministerin Steffi Lemke brachte es auf den Punkt: „Mit der Abschaltung der letzten AKW ist unsere Arbeit noch lange nicht beendet. Wir haben etwa drei Generationen lang Atomkraft genutzt in unserem Land und dabei Abfälle produziert, die noch für 30.000 Generationen gefährlich bleiben.“