Das 21. Jahrhundert wartet bisher mit allerlei Unsicherheiten auf. Eine davon: Die Möglichkeiten für Cyberangriffe haben zugenommen. Das zeigt sich immer wieder auch in der Ukraine. Denn auch wenn die absolute letzte Sicherheit über Angreifer meist fehlt: Sicher ist, dass Russland beim Thema ganz weit vorne mitspielt!
Was das genau bedeutet, zeigte sich unter anderem am 10. Oktober. An diesem Tag wurden erhebliche Angriffe auf kritische Infrastrukturen in der ganzen Ukraine gestartet. Im Zentrum stand dabei die ukrainische Hauptstadt. Hier sorgte konventioneller Beschuss, der auf die Energieinfrastruktur zielte, für den Ausfall des Stromnetzes in fast 4.000 Städten und Dörfern.
Mindestens ein Fall von Stromausfällen an diesem Tag geht jedoch auch auf einen Cyberangriff zurück. Besonders macht diesen Fall das bisher so nicht bekannte Vorgehen der Angreifer. Dieses lässt befürchten, dass Cyberattacken künftig nicht nur schneller ausgeführt werden können, sondern auch schwerer nachzuweisen bzw. entdecken sind.
Angriffe auf die ukrainische Stromversorgung, vermutlich von dem Umfeld des russischen Militärgeheimdienstes GRU zuzurechnenden Akteuren, sind bereits 2015 und 2016 erfolgreich lanciert worden. Damals wurden, anders als jetzt, jedoch aufwendig programmierte Schadprogramme eingesetzt. Dies war nötig, weil die einzelnen Komponenten des Strom- und Wassernetzes jeweils eigene OT-Systeme (Operational Technology) nutzen.
Im nun bekanntgewordenen Fall nutzte die hinter dem Angriff stehende Gruppe Sandworm bereits bestehendes Werkzeug, was eine vergleichsweise schnelle Durchführung des Angriffs gewährleistete. Der Angriff erfolgte dabei über einen bereits im Juni 2022 ausgespähten Rechner, über den der Zugang zu einem Rechner erfolgte, der für die Steuerung von Umspannwerken genutzt wurde. Vermutlich öffneten die Angreifer die Schutzschalter der Unterwerke – und ließen so den Strom ausfallen. Zwei Tage später löschte die Gruppe zudem zusätzlich Daten auf den IT-Systemen.
Erleichtert wurde der Angriff durch die Nutzung einer veralteten ABB-Steuerungssoftware (mittlerweile aufgegangen in Hitachi Energy). Über diese konnten mittels einer Schnittstelle direkte Befehle an das Umspannwerk gesendet werden. Seit 2014 existiert diese Funktion in neueren Programmversionen nicht mehr; offenbar hatte der jetzt betroffene Energieversorger seitdem kein Update durchgeführt.
Die für den Angriff verantwortliche Gruppe Sandworm ist bekannt für ihre Sabotageaktionen. So sei es der Gruppe zwischen Oktober und Dezember 2022 gelungen, in drei Fällen in die Systeme ukrainischer Energieunternehmen einzudringen. Bemerkenswert am beschriebenen Fall ist, dass der Angriff mit vermutlich nur rund zwei bis drei Monaten Zeitaufwand ausgeführt wurde, ohne großen technischen Aufwand und ohne dabei aufwendige Werkzeuge einzusetzen.
Die entsprechenden Systeme von ABB beziehungsweise Hitachi Energy werden weltweit von Energieversorgern eingesetzt.