In der EU besteht bis zum Jahr 2030 eine Investitionslücke bei den Stromnetzen von nicht weniger als 800 Milliarden Euro. Dies geht aus einem Bericht hervor, der von der Boston Consulting Group (BCG) für den European Round Table for Industry (ERT) erarbeitet wurde.
Beim ERT handelt es sich um eine Lobbygruppe, die die leitenden Geschäftsführer und Vorstände von über 50 der größten transnationalen Unternehmen inneralb der EU umfasst. Sie stehen für fünf Millionen Angestellte und einem Gesamtumsatz von über zwei Billionen Euro.
Auch die Europäische Kommission geht von steigenden Ausgaben für Netzentgelte aus, da nach ihrer Schätzung bis 2030 zusätzliche Infrastrukturinvestitionen in Höhe von 584 Milliarden Euro erforderlich werden.
Laut dem von BCG erstellten Bericht ist der Bedarf aber noch viel größer. Bis 2030 bestehe eine Investitionslücke von 800 Milliarden Euro, bis 2050 sogar von 2,5 Billionen Euro.
Die jährlichen Investitionen in die Netzinfrastruktur lagen in den letzten Jahren zwischen 22 und 32 Milliarden Euro. Dadurch würden die Netze bis 2050 um 60 Prozent hinter dem Bedarf zurückbleiben. Die Verstärkung der europäischen Stromnetze sei jedoch notwendig, um die Mühen zur Dekarbonisierung erfolgreich umsetzen zu können.
Laut dem Bericht müssten sich die Ausgaben für Netzinvestitionen im Vergleich zu den bisherigen Zahlen jährlich mehr als verdoppeln, wolle die EU ihre Klimaziele erreichen. Nach den Berechnungen von BCG werden 60 Prozent dieser Summe für Verteilungsnetze, 25 Prozent für Übertragungsnetze und der Rest für grenzüberschreitende Verbindungen und Speicher anfallen.
In Bezug auf den Stromsektor ist der auftraggebende ERT überzeugt, dass eine tiefgreifende Überarbeitung des Strommarktdesigns nötig sei. „Das derzeitige Marktdesign führt zu niedrigen Erfassungsquoten [d.h. Einnahmen, der Red.] für die Stromerzeugung aus erneuerbaren Energien, wodurch der Bau neuer Anlagen weniger attraktiv wird“.
Laut dem ERT sollte der von der EU bevorzugte Mechanismus der „Differenzverträge“ eingeschränkt werden. Diese Verträge, bei denen unabhängig von den täglichen Strompreisen ein im Vorfeld vereinbarter Betrag gezahlt wird, würden die Marktvolatilität erhöhen. Dies würde zu „ausgedehnten Perioden von Null- und Negativpreisen“ führen, was bedeute, dass die Regierungen, „die hinter den Verträgen stehen, den vollen Ausübungspreis oder mehr zahlen müssten.“ Die Regierungen sollten stattdessen eine staatlich geförderte Versicherungspolice zur Risikominderung von Investitionen einführen, die es den Stromversorgern ermöglichen würde, auch bei extrem volatilen Energiemärkten, wie es im Jahr 2022 der Fall war, im Geschäft zu bleiben. Sprich: Der Steuerzahler soll die Risiken des Strommarktes übernehmen.