Atomkraft ist aktuell, zumindest im bisher eher kritisch eingestellten Europa, wieder stark im Aufwind. Den neuesten Beweis dafür liefert die Studie „Life Cycle Assessment of the Hinkley Point C nuclear power plant development“, die im Auftrag des französischen Energiekonzerns EDF entstand. Im Zentrum steht dabei der Umwelteinfluss des im Bau befindlichen Atomkraftwerks Hinkley Point C.
Die Studie, laut EDF unabhängig geprüft (independently verified), kommt zum Ergebnis, dass Strom aus dem neuen Reaktor mit rund 5,5 Gramm CO2e sauberer ist als solcher von Offshore-Windrädern (12 Gramm) oder Solaranlagen (48 Gramm). Die Studie wurde von Ricardo Energy & Environment erstellt und vom Projektierer WSP USA geprüft.
Laut EDF soll die Studie zeigen, welche Wirkungen das Atomkraftwerk während seines Lebenszyklus von angenommen 60 Jahren und einem Brennstoffzyklus von 18 Monaten vom Bau über den Betrieb bis zum Rückbau auf die Umwelt hat. Nach Angaben des Unternehmens ist es eine der detailliertesten Betrachtungen, die bisher für ein Kraftwerk erstellt wurde.
Die reine Produktion einer Kilowattstunde Strom in Hinkley Point C verursacht danach 5,49 Gramm CO2e, bezieht man Übertragung und Verteilung bis zum Endkunden mit ein sind das 10,91 Gramm CO2e. Der Weltklimarat IPCC (Intergovernmental Panel on Climate Change) legt für die erneuerbaren Energien einen mittleren Wert von 12 Gramm bei Offshore-Wind und von 48 Gramm bei groß dimensionierter Photovoltaik an. Kohle verursacht demgegen 820 Gramm, Erdgas 490 Gramm CO2e je Kilowattstunde.
Freilich ist dabei die Endlagerung des entstehenden Atommülls nicht einbezogen. Während der geplanten 60jährigen Nutzungsdauer erzeugen die beiden Reaktoren schwach-, mittel- und hochradiokative Abfälle, die ein Lagervolumen von mehr als 109.400 Kubikmeter einnehmen. Zum Vergleich: In Deutschland stehen laut Prognose der Bundesgesellschaft für Endlagerung (BGE) aus 62 Jahren ziviler Atomenergienutzung in 35 Reaktorblöcken insgesamt 327.000 Kubikmeter Atommüll für die Endlagerung an.
Gleichwohl sich die Studie auf die Untersuchung der Auswirkungen des Reaktors in Hinkley Point befasst, verbucht EDF diese Werte auch für sein Projekt Sizewell C. Die Bauarbeiten am Reaktorblock haben 2018 gestartet und sollen 2026 beendet sein. Das Kraftwerk besteht aus zwei Druckwasserreaktoren des Typs EPR mit einer Leistung von jeweils 1.630 Megawatte. Sizewell C ist als genaues Ebenbild des Projekts in Hinkley Point konzipiert. EDF und die französische Regierung setzen große Hoffnungen auf das EPR-Konzept. So baut EDF seit Ende 2007 in Flamanville einen EPR-Reaktor. Hier kämpft der Konzern mit großen Schwierigkeiten. Der Bau verzögerte und verteuerte sich wiederholt: Statt Kosten von 3,3 Milliarden Euro schlagen nach einem Bericht aus dem Juli nun Gesamtkosten von mehr als 19 Milliarden Euro zu Buche. Statt der geplanten Fertigstellung im Jahr 2012 steht nun 2023 an.